Page 19 - Gehaltvoll 13.1
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Gewinnreicher






                                     Verzicht













         Nicht jeder ist fähig, auf die      menge positiver Erfahrungen.        viel Alkohol, 40% sind normaler-
         augenblickliche Befriedigung von    Ich kann niemand beweisen, dass     weise in Whiskey, keine Wirkung
         Bedürfnissen, auf augenblickliche   dies der Gewinn für den Verzicht    hinterlässt. Da mussten einige
         angenehme Gefühle zu verzichten     auf Wein war, aber persönlich bin   natürliche körperliche Alarmsig-
         und diese für länger, ja sogar auf   ich davon überzeugt. Das war ein   nale nicht rechtzeitig anspringen,
         unbekannte Zeit aufzuschieben.      gewinnreicher Verzicht damals!      weshalb er seitdem bewusst min-
         Nicht jeder kann sich schon jetzt                                       destens drei  Tage in der  Woche
         im Geiste ausmalen, was einmal      Apropos Alkohol-Verzicht.           auf Alkohol verzichtet, obwohl er
         in der Zukunft sein wird, wenn an   Vor ungefähr 20 Jahren war ein      grundsätzlich  damals  und  heute
         die Stelle des Verzichts etwas Posi-  Bekannter als Übernachtungsgast   keine Alkoholprobleme hatte.
         tives mit reichem Gewinn treten     bei Nachbarn von Freunden un-
         wird.                               tergebracht.  Zunächst  haben  sie,   Aber so fängt es in der Regel an,
                                             die  sich  ja  noch  nicht  kannten,   völlig harmlos, unschuldig, oder
         Ich erinnere mich, wie ich so einen   über  Hobbys  geplaudert,  und    zumindest schlittert man irgend-
         Verzicht einmal bezüglich meiner    dann ausnahmsweise mal nicht        wie hinein – und bleibt drin, dran.
         Vorliebe erlebte, gelegentlich zum   über Fußball, sondern über Whis-   Und dann will man immer mehr
         Mittagessen ein Glas Rotwein zu     key. Denn sein Gastgeber sammel-    und öfters, kann nicht mehr dar-
         trinken. Überraschend verspürte     te Whiskeysorten, vom billigen bis   auf verzichten, usw. – endlos.
         ich damals im Gebet, auf dieses     du den vornehmen, teuren.
         Glas  Wein verzichten zu sollen.    Mein Bekannter hatte bis dahin      Das war ein sinnvolles, gut über-
         „Warum denn das, ich trinke doch    noch nie  Whiskey getrunken.        legtes Nein zu sich selbst.
         gar nicht viel?“                    Doch scheinbar schlummerte der      Und ob ihm das langfristig etwas
         Das war mein erster Gedanke,        Wunsch danach schon lange in        gebracht habe, fragte ich ihn noch.
         aber als mir dann deutlich wurde,   ihm, denn er nahm das Angebot       Er denke, dass es ihm heute ge-
         dass ich in dieser Gewohnheit ein   einer  Whiskeyprobe sofort an.      sundheitlich gut gehe, habe sicher
         bestimmtes Gefühl, eine "Weinse-    Sein Gastgeber holte fünf Flaschen   auch etwas damit zu tun. Und wie
         ligkeit“ suchte, war ich zutiefst be-  unterschiedlichster Sorten und   viele Konflikte und Stress ihm da-
         troffen. Ich wollte nicht weinselig   Preisklassen aus dem Keller und   durch erspart blieben, könne er
         sein, sondern geistselig!           die Probe startete. (Natürlich tran-  nur ahnen. Und, er zwinkerte mir
         Und ich legte mich fest, ein Jahr   ken sie nicht alle Flaschen aus!)   zu, wie viel Geld er gespart habe,
         lang keinen Wein zu trinken.        Was war das Fazit für meinen        wolle er jetzt nicht ausrechnen.
                                             Bekannten?  Erstens, Whiskey        Er konnte es aber nicht lassen:
         Ein Gewinn kam, den ich gar         schmeckte ihm nicht, und zwei-      Zwei Flaschen Wein weniger pro
         nicht erwartet hatte: Ungefähr      tens, er spürte keinerlei Wirkung   Woche zu je 5 Euro, mal 52 Wo-
         einen Monat später fing ich völ-    des Alkohols. Damit wollte er sich   chen, ergäben 520 Euro pro Jahr,
         lig überraschend an, mein erstes    nicht vor mir brüsten, sondern es   dann mal 20 Jahre, das seien über
         Gedicht zu schreiben und damit      jagte ihm damals einen ganz schö-   10.000 Euro.
         begann eine über fünfzehnjährige    nen Schrecken ein, dass da bei ihm   Auf jeden Fall habe er nichts ver-
         „Lyrikerkarriere“  mit  einer  Un-  etwas nicht richtig tickt, wenn so   misst.



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