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Ein ganz spezieller Verzicht:






        nicht mehr helfen





        Friedemann Alsdorf


                                                                                     .
        Eine hilfreiche Strategie für       Aber ich kann mein eigenes Ver-             Die eigene Angst über-
        Angehörige  von Suchtkran-          halten steuern. Ich kann Grenzen                 winden
        ken: Loslassen, sich distan-        setzen, wo mir etwas zu viel wird,   Im Vertrauen auf Gott stelle ich
        zieren                              und Konsequenzen von meiner          mich den Ängsten, die auf mich
                                            Seite einführen, wenn diese Gren-    einstürmen und mich vor dem
                                            zen nicht eingehalten werden. Ich    neuen Weg der Hilfe zurückschre-
                                            verlasse  die  Opferrolle  und  lote   cken lassen:
                                            meinen Handlungsspielraum aus.       „Wenn ich ihr nicht mehr helfe,
                                            In  Situationen,  die  mich  über-   gelte ich als herzlos und hart!“
        Gewinne durch      Verluste durch   fordern, hole ich mir Rat und        „Alles  wird  noch  viel schlimmer
        die Sucht          die Sucht        Unterstützung. Damit, dass es        werden! Er wird völlig abgleiten!“
                                            mir noch länger schlecht geht,       „Alle werden merken, wie es um
                                            ist  niemandem geholfen  –  auch     meine Frau steht, und über uns
        Wie entwickelt sich diese Waage     dem Suchtkranken nicht.  Wenn        reden.“
        im Lauf einer Suchtkarriere?        ich bei Kräften bin und wieder       Im Loslassen der Ängste gewinne
        Und was passiert, wenn man als      Zufriedenheit und Dankbarkeit        ich  neue Handlungsmöglichkei-
        Angehöriger eingreift, um dem       spüren kann, kann ich auch eine      ten.
        Betroffenen Leid zu ersparen?       bessere Unterstützung und  Vor-
                                                                                      .
                                            bild sein (DHS, 2023a:12).                  Schuldgefühle über-
            Die Machtverhältnisse                                                            winden
                  anerkennen                   .  Hilfe durch Nicht-Hilfe        Angehörige von Süchtigen quälen
        Wer (mit seiner Sucht) Leiden in    Ich verabschiede mich von jeder      sich häufig mit Schuldgefühlen
        Kauf nimmt, gewinnt an Macht        Form von Hilfe, die darauf hi-       und  Selbstvorwürfen,  besonders
        über alle Menschen, die an seinem   nausläuft, den Betroffenen vor       die Eltern suchtkranker Kinder.
        Wohlergehen interessiert sind.      den Konsequenzen des eigenen         Ich werde bereit, die in der Ver-
        Die meiste Macht gewinnt immer      Verhaltens in Schutz zu nehmen       gangenheit begangenen Fehler
        noch der, der bereit ist, den eige-  oder sein Verhalten zu verheimli-   und Sünden an der Hand Gottes
        nen Tod in Kauf zu nehmen. Was      chen. Diese Art „Hilfe“ hilft dem    zu erkennen – aber auch, mich
        tun wir alles dagegen, dieses Übel   Süchtigen nur, mit der Sucht zu     von falschen Schuldzuweisungen
        abzuwenden. (Nowak, 1997:4)         leben – aber nicht, von ihr loszu-   zu lösen. So komme ich in eine
        Veränderung setzt voraus, dass ich   kommen. Ich höre auf, das Sucht-    neue Freiheit hinein.
        als Angehöriger mir dieses Macht-   verhalten kontrollieren zu wollen,   ...
        gefälle eingestehe und die Illusion   und setze meine Kräfte an besse-
        loslasse, mit genügend Anstren-     ren Stellen ein.
        gung und Kontrolle könnte ich
        alles in den Griff bekommen.
                                                                                 (Aus Co-Abhängigkeit oder „Der
            „Das eigene Verhalten                                                Frosch im Kochtopf“, Unterlagen
                    steuern“                                                     zum  Workshop auf dem APS-
        Es steht nicht in meiner Macht,                                          Kongress im April 2024, Friede-
        einen suchtkranken Angehörigen                                           mann Alsdorf, Dipl.-Psychologe,
        von seiner Sucht loszubekommen.                                          Psychotherapeut, www.ignis.


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