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„Beim ersten Lesen schrecke ich     Die Fülle der Liebe und Annahme      Werte führt, muss sie anhand die-
        zurück: Kann es Jesu Anliegen       durch Gott in Jesus Christus hat     ses Verses überdacht werden. Die-
        sein, Fanatismus zu unterstützen?   also eine herbe Rückseite, weil sie   ses Überdenken führt uns letztlich
        Gibt es etwa doch so etwas wie      mit dem Ausschließlichkeitsan-       zu uns selbst, zu den Abgründen
        einen >christlichen Dschihad<?      spruch verbunden ist: Jesus Chris-   unseres Wesens. Wenn wir dort,
        Der Vater Jesu Christi soll doch    tus hat den allein wahren Gott       wo wir mit uns nicht mehr weiter-
        etwas mit Liebe zu tun haben –      offenbart. Und dieser Anspruch       kommen, zu Jesus kommen, wird
        passt dazu Jesu Wort vom Hassen     führt immer wieder zum Hass von      er uns an- und aufnehmen.
        des eigenen Lebens?                 Seiten anderer Menschen, die die-    Nicht all das, was wir haben und
        Aber ich will mich auf eine >zwei-  sen Anspruch nicht gelten lassen     sind, bestimmt unseren Weg mit
        fache Lektüre< einlassen:  Was      wollen. Und da geht es darum, am     dem, der uns ruft, sondern unsere
        steckt hinter diesem  Wort, dass    Ja zu Jesus Christus festzuhalten.   eigene Betroffenheit.
        Jesus so selbstverständlich davon   Auf die Kosten, die mit diesem Ja    Es geht um Nachfolge, um einen
        sprechen kann, sein Leben zu has-   verbunden sind, weist also Jesus     freien Entscheid, all das, was wir
        sen bzw. gering zu achten? Mir      mit seinem Wort.“                    haben und sind hinzugeben, um
        geht dabei auf, dass Jesus selber in   Dr. Gottfried Wenzelmann; Theolo-  den  Weg des Königs zu gehen.
        seinem Verhältnis zu Gott dieses    ge, Seelsorger (Deutschland)         Dazu ist niemand verpflichtet –
        Wort am eigenen Leib durchlit-                                           im Gegenteil. Ich meine, dass es
        ten hat. Er hat sein Leben ge-                                           auf den Ruf ankommt! Wenn die-
        ring geachtet bis zu seinem Tod     „Wir sind aufgerufen, Prioritäten    ser Ruf unsere Liebe weckt, dann
        am Kreuz – aus Liebe zum Vater      zu setzen.                           werden wir uns aufmachen, koste
        und aus Liebe zu uns. Sein Tod      Die zeitkritische Bedeutung des      es, was es wolle! Wenn nicht, wird
        am Kreuz war nicht der Gipfel       Textes zielte auf die Macht der Fa-  sich nichts verändern, auch wenn
        an Selbstverachtung, sondern der    milie und des sozialen Umfeldes      wir alles dafür geben!
        Gipfel an Liebe.                    und diente der Emanzipation des      In diesem Vers redet die Liebe –
        Wenn nun Jesus seine Jüngerinnen    Individuums.                         nur sie kann so verwegen und ra-
        und Jünger zu einer entsprechen-    In der Gegenwart haben wir voll-     dikal sein! Es zählt nicht die Leis-
        den  Bereitschaft  herausfordert,   kommen andere Verhältnisse. Die      tung, sondern die Betroffenheit
        dann steht dahinter keine Einla-    Priorität sollte aber dieselbe sein.   des  eigenen  Herzens.  Nur  wer
        dung zu pathologischem Selbst-      Heute steht vielleicht eher unsere   liebt, wird diesem Ruf folgen!"
        hass, sondern zu einer entschlosse-  Selbstheit der göttlichen Priorität   Dr. Roland Mahler, Theologe, Psy-
        nen Hingabe des eigenen Lebens      in unserem Leben im Weg.             chologe (Schweiz)
        an Ihn als dem Herrn.               Wie dem auch sei, Gott will uns
        Der frühere  Tübinger Neutes-       als die, die wir an sich sind, er will
        tamentler Martin Hengel hat in      nicht unsere Selbstverwirklichung,
        diesem Zusammenhang von der         nicht unser soziales und ökonomi-
        >Unvergleichlichkeit     (Inkom-    sches Kapital, sondern das nackte
        mensurabilität)< der  Nachfolge     Selbst, ohne jeglichen Schnick-
        gesprochen.  Jesus  ist  ein  unver-  schnack.
        gleichlicher Herr, weil er den un-  So ist diese Botschaft auch heute
        vergleichlichen  Gott  geoffenbart   noch eine beträchtliche Herausfor-
        hat. Seine Einzigkeit und seine     derung. Denn wir lassen uns nicht
        Unvergleichlichkeit    begründet    gerne in unsere Karten schauen,
        seinen  unvergleichlichen  An-      zeigen nicht gerne unsere erbärm-
        spruch auf mein Leben. Dieser       lichen Seiten. Damit ist nicht ge-
        Anspruch bleibt nicht ohne Wi-      meint, dass Gott uns alles, was
        derspruch. Manchmal führt er        wir am Leben herausfordernd und
        auch dazu, angefeindet zu werden.   spannend finden, vorenthalten
        Deshalb gehört für Jesus zu Seiner   will. Die Selbstverwirklichung ist
        Nachfolge auch die Bereitschaft     nicht an sich problematisch – ein-
        zu leiden. Das steht hinter seinem   zig dort, wo sie sich zwischen Gott
        Wort, das eigene Leben zu hassen    und unser Selbst schiebt, wo sie zu
        bzw. gering zu achten.              einer markanten Verschiebung der


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